“Von allen Geschenken, die uns das Schicksal gewährt, gibt es kein größeres Gut als die Freundschaft – keinen größeren Reichtum, keine größere Freude.”

— Epikur von Samos —

Vom Drummer zum Familienvater

Eine Kurzvorstellung des Trauzeugen auf Seiten des Bräutigams

Er galt früher als DIE Ko­ry­phäe am Schlagzeug. Während der Schulzeit begonnen in Bands zu trommeln, das Lernen vernachlässigend und dem Leben ein Schnippchen schlagend hat sich dieser junge Mann zu einem wahrhaft meisterlichen Könner und Kenner der hiesigen  Fußballszene entwickelt. Unweit der Hansestädte rangiert der gebürtige Pfälzer im Stammesland der Spätzlegenießer nun die IT-Abteilung eines Provinzclubs, der 2007 sogar unerwartet Deutscher Meister wurde. Mehr oder minder erfolgreich zeigt sich das wahre Leben in der Implementation des Herrn B. aus S. jedoch im Jonglieren der lästigen Termine all seiner Kumpels. Auf zeitlich bedingt wenige Kontaktressourcen im privaten Umfeld, beschränkt sich hierbei die jedoch intensive Pflege bei halbjährlichen Party- & Fußballevents im mitteleuropäischen Raum.

Die hierbei stets bemitleidend vorgetragenen Hinweise sämtlicher Gebrechen des mittlerweile in die Jahre gekommenen und geschundenen BB-Korpus, kommt nun weiterhin ein nicht zu unterschätzender Hinweis auf das Entstehen einer Midlife Crisis hinzu! Mittlerweile selbst verheiratet und Vater eines 10jährigen Sohnes, erweist sich dieses Szenario der zwischenmenschlichen Pflege für Herrn B. aus S. als doch manchmal schwierig zu meisternde Aufgabe, welche jedoch stets souverän und geduldig in der Manier eines Apachen-Häuptlings gelöst wird. Alles in allem weist Herr B. aus S. alle Grundzüge aus, um der verantwortungsvollen Tätigkeit des Trauzeugen, auch zukünftig, gerecht zu werden. Diese Verantwortung wird sicherlich einer ersten Bewährungsprobe sich stellen müssen, wartet doch eine Überwachung des Bräutigams seitens der Braut im Laufe des Junggesellenabschiedes.

“Herrgott lass den Kater mein, morgen nicht so schrecklich sein, schenk mir morgen wieder Durst, alles andre‘ is mir Wurst!”

— Bernd Burger —

Trauzeugin der Braut

Antje, die Wilde

So sieht es das Brautpaar:

Aufgewachsen an allen möglichen Enden und Ecken dieses Planeten zeigt sich Antje lebensgewandt und weltoffen. Der weiteren beruflich bedingten Erfahrungen geschuldet behält Antje stets den Durchblick. Manchmal etwas durch den Wind, doch meistens auf der Höhe der Informationen kümmert sie sich rührend um ihr behaartes Hundekind.
Ähnlich fleissig steht sie ewig parat bei jeglicher Art der Hilferufe der Braut.
Auch die regelmäßigen … der Braut meistert Antje bravourös.

Antje sei Dank, go ahead. Es lebe die Augenoptikermeisterin unseres Vertrauens

Und so ist es aus Antje’s Sicht:

In meinem Freundeskreis gibt es zwei Antjes. Schacken-Antje und Al-Qaida-Antje. Ich bin Al-Qaida-Antje. Das mag unschmeichelhaft sein, erklärt sich aber daraus, dass ich die zweite Hälfte meiner Kindheit in einem arabischen Land verbrachte. Als Beweis seht Ihr hier ein Foto von mir im Alter von vierzehn, ernst wie ein Ölscheich, in einem Knöchellangen Kaftan, auf einem Balkon über der libanesischen Hauptstadt Beirut.
Zu Eurer Beruhigung: ich habe noch nie jemanden erschossen oder jemandem ernstliche physische Verletzungen zugefügt. Ich verstehe nichts von Schusswaffen, sondern feuere mit Worten. Meine Neigung zu extremen Ansichten und ein gewisser Hang zu Verschwörungstheorien haben sich im Verlauf eines bald fünf Jahrzehnte währenden Daseins einigermaßen zurechtgerückt.

Alles begann relativ unspektakulär in einem Bremer Krankenhaus, wo ich mit einem gebrochenen Schlüsselbein und einem Muttermal, welches meine Mutter im ersten Augenblick für ein Loch in meinem Kopf hielt, auf die Welt kam. Vermutlich handelte es sich bei dem Muttermal tatsächlich um eine Art Reinkarnationsmal. Es könnte also auf eine terroristische Vergangenheit hinweisen, aber ich wiederhole: in diesem Leben habe ich noch niemanden erschossen oder ernstlich verletzt.
Ihren ersten emotionalen Zusammenbruch erlitt meine Mutter erst an meinem dritten Lebenstag, als die Diagnose bezüglich des Schlüsselbeins feststand. Allerdings erklärte sich hieraus, weshalb ich beim Wickeln und Anziehen immer so zickig gewesen war.
Bis zum Beginn einer Karriere als Klassenkasper im Alter von sechs Jahren, geschah in meinem Leben nichts allzu Ungewöhnliches. Als ich zehn war, verschlug es meine Familie in den Libanon. Hier verständigte ich mich zunächst mit Händen und Füßen und knüpfte sehr rasch neue Kontakte.
Bei meiner Familie lebte Nabiha, ein kleiner, runder, libanesischer Herzensmensch, damals etwa Ende vierzig. Sie hatte nie eine Schule besucht, war Analphabetin, hatte in ihrem Kopf rund einhundert Kochrezepte abgespeichert und sprach drei Sprachen: Arabisch, Englisch und Französisch. Meistens packte sie alle drei Sprachen in nur einen einzigen Satz, und bald mengten sich in ihre abenteuerlichen Sprachkreationen deutsche Wörter. Es dauerte nicht lange, und ich beherrschte Nabihas Sprache perfekt. Wir konversierten lebhaft, wobei der Rest meiner Familie Mühe hatte, unseren Dialogen zu folgen. Als meine Schwester und ich eines Tages mit unserem Vater von der Schule nachhause kamen, empfing uns Nabiha an der Tür. „Ya Missjö Suhla, Putscha, todäi, siss morning, boku, boku, fä how, how, hohu“, erklärte sie. Logisch, dass sie vollkommen entnervt war.
Mit den Kindern aus der Nachbarschaft spielte ich regelmäßig Völkerball. Auch sie beherrschten, neben dem Arabischen, eine Reihe französischer und englischer Wortfetzen. Bald sprach ich ein ungewöhnliches, regional und zeitlich extrem begrenztes und seltenes Englisch mit historisch einmaliger Grammatik und nie dagewesenem Satzbau. Die Betonung einzelner Wörter hatte ihre Wurzeln eindeutig im Arabischen. Mein Vater, unter anderem Englischlehrer, war mit meinen Englischkenntnissen nur mäßig zufrieden. Darum schickte man mich, kaum dass ich ein zartes Teenageralter erreicht hatte, im Flugzeug in die USA, wo ich acht Monate lang in einer Gastfamilie lebte und eine Highschool besuchte. Umgeben von reinrassigen Amerikanern lernte ich nun ein Englisch, dass auch nicht-Eingeweihte mit halbwegs gutem Willen verstehen konnten.

Vor allem aber feilte ich in Amerika an meiner Lebensphilosophie. An den Mauern der World Bank in Washington DC entlangspazierend, fragte ich mich, was in diesem, wie eine Festung wirkenden Gemäuer, wohl vorsichgehen mochte, von dem die Öffentlichkeit höchstens Teilwahrheiten erfahren durfte … Der Grundstein war gelegt.
Bis heute gehört das Nachdenken über Währung und Finanzwesen zu den drei Hauptsäulen meiner Weltverbesserungsstrategie. Finanzwelt und Politik hören noch nicht soooo oft auf mich, was als Erklärung für die Probleme, mit denen sich die Welt konfrontiert sieht, vollkommen ausreicht. Dem geneigten Leser wird ans Herz gelegt, „Das Wunder von Wörgl“ bei Google einzugeben und über ein historisches Beispiel zu lesen, wie eine Umlauf-geschützte Währung die Bewohner einer Österreichischen Dorfgemeinschaft einst vor Hunger und Elend schützte, bis die Regierung die Währung schließlich verbat, und Armut erneut Einzug hielt. In der gegenwärtigen Zeit liefert das Königreich Bhutan ein leuchtendes Beispiel für ein Land, das völlig ohne das heute übliche Konzept von Wirtschaftswachstum gedeiht und seine Bevölkerung mithilfe einer überall im Land praktizierten Realwirtschaft mit allem Lebensnotwendigen versorgt, seinen Kindern eine völlig andere Art von Bildung angedeihen lässt und anstelle eines Bruttoinlandproduktes einen sozialen Glücksindex hochhält. Fazit: eine bessere Welt ist möglich! Eine bessere Welt ist außerdem wahrscheinlich und notwendig!
Nach meinem Amerika-Aufenthalt kamen meine Eltern auf den Geschmack und versuchten, mich mittels Kontakt zu Franzosen der französischen Sprache zu ermächtigen. Ich hatte jedoch für mich im Stillen längst beschlossen, dass Deutsch und Englisch vollkommen ausreichen. Auch sonst ging das in den Orient verpflanze Bremer Bildungsbürgertum relativ spurlos an mir vorbei. Heute ist mein hauptsächliches Kommunikationsmittel die Malerei, mittels derer ich versuche, das Unaussprechliche zu Papier zu bringen.
Inzwischen war ich erwachsen geworden. Nachdem ich zunächst Hotelfach gelernt und einen Koch geehelicht hatte, wurde ich nacheinander zuerst Mutter, dann geschieden, Augenoptikerin, Freundin und Lebensgefährtin von Peter und schließlich Augenoptikermeisterin. In Wirklichkeit bin ich natürlich eine Art Schläfer und warte darauf, dass meine Zeit hereinbricht oder helfe vielmehr, diese Zeit zu erschaffen. Meine berufliche Tätigkeit bildet einen hierfür sehr nützlichen Kontext.
Unser zukünftiges Ehepaar lernte ich in der Hundeschule kennen und spürte sofort eine Seelenverwandtschaft. Ramona und Thomas führten einen Welpen an der Leine, der unserem zum Verwechseln ähnlich sah. Darüber hinaus erkannte ich schon bald Ramonas und Thomas´ radikale Neigung zum Feiern und Grillen, und so bestätigte sich mein anfängliches Gespür einer beginnenden, wunderschönen Freundschaft!
Ich freue mich sehr und fühle mich geehrt, die liebe Ramona an den Traualtar begleiten zu dürfen und wünsche mir nichts mehr für unsere beiden, als unzählige glückliche Jahre! Auf dass es ein unvergesslicher Tag werden möge!

Anm. d. Red. (Brautpaar): Dem Roman ist nichts mehr hinzuzufügen, Antje ist genau so und soll auch so bleiben 🙂